Interview mit Gabriel Blackwell Part 2


Gabriel Blackwell – Interview 2. Versuch

 

Ich hatte Margarethe angewiesen, den neuen Termin für Mr. Blackwell am Samstag auf 13 Uhr in einem Café, um die Ecke zu legen. Mir war es egal was er darüber denken würde, aber mir war allemal ein öffentlicher Ort lieber als mein kleines Büro. Zwar war es nicht klein, dennoch fühlte es sich an, wenn er in meinem Büro stand oder saß.

 

Ich war ein paar Minuten zu früh dran, daher bestellte ich mir ein Vanilla Latte mit doppelt Zucker, da ich auf Gebäck verzichtete, sollte wenigsten der Zucker im Kaffee mich ein wenig puschen.

 

Gerade als ich an einem Tisch am letzten Fenster erreichte und meine Tasche auf einen der vier freien Stühle ablegte, fuhr ich erschrocken herum, weil mich eine tiefe dunkle Stimme von hinten ansprach.

„Sind sie immer so schreckhaft?“ Gabriel Blackwell lächelte auf mich herab und es war ihm deutlich anzusehen, dass es ihn amüsierte.

„Sie sind viel zu früh.“ Ohne ihn weiter zu beachten, was sich echt als schwierig erwies, holte ich mein Diktiergerät aus der Tasche und legte es auf der Mitte vom Tisch ab.

„Wollen sie sich noch vorher etwas zu trinken holen, bevor wir anfangen?“

„Nein, ich denke mal, dass wir hier nicht länger als eine viertel Stunde brauchen werden.“

Ich hob eine Augenbraue und schüttelte leicht mit dem Kopf. „Wie sie meinen.“ Gabriel saß mir gegenüber, mit verschränkten Armen. Ihm behagte das immer noch nicht. Ich atmete tief ein und gab mir einen Ruck freundlich zu bleiben.

„Na schön, wir waren bei der Frage stehen geblieben, was zwischen ihnen und Claire passiert war. Möchten sie mir das heute erläutern?“

Er räuspert sich und fährt sich mit einer Hand durchs Haar. Verdammt, er sah heute wirklich gut aus. Sein schwarzer Strickpullover saß wie eine eins, dazu trug er heute auch eine dunkle verwaschene Jeans. Und erst der Dreitagebart. Ich wandte meinen Blick auf dem Block, auf den ich noch einige Fragen stehen hatte.

„Claire und ich sind uns vor ein paar Jahren zu einem undenkbar ungünstigen Zeitpunkt begegnet. Es hatte zwischen uns sofort gefunkt, zum Abschied hatte ich sie geküsst und war fest davon überzeugt, dass ich sie am nächsten Tag auf jeden Fall wiedersehen würde. Aber da hatten wir beide wohl nicht damit gerechnet, dass uns das Schicksal ein Strich durch die Rechnung machte.“ Er griff nach der Bestellkarte, die in einem Kartenhalter neben ihm stand und warf einen flüchtigen Blick hinein.

„Am nächsten Tag hatte ich meinen ersten Arbeitstag im städtischen Gymnasium. Als Claire verspätet in die Klasse stolperte, war ich so geschockt. Ebenso wie sie. Wissen sie, wie sich das anfühlt, wenn man sich auf etwas so sehr freut und es einem dann verwehrt wird?“

Ich hörte den Schmerz aus seiner Stimme heraus. Nein, ich konnte dies nicht nachempfinden, weil ich sowas noch nicht erlebt hatte, daher schüttelte ich den Kopf.

Er schluckte. „Ich hatte versucht mit ihr zu reden, aber sie hatte nur gemeint, dass es da nichts zusagen gäbe und sie sich nicht Hals über Kopf in mich verliebt hätte. Nun, in diesem Punkt war sie eine sehr schlechte Lügnerin. Ich hatte ihren Blick gesehen, indem die pure Enttäuschung lag. Aber was hätte ich machen sollen. Ich wollte meinen Job nicht schon am ersten Tag hinwerfen. Deshalb versuchte ich in den darauffolgenden Wochen ihre Blicke zu ignorieren. Aber ich bin nun mal auch nur ein Mensch, wie hätte ich denn mein Herz sonst vor ihren traurigen, teils verträumten Blicken schützen sollen. Deshalb hatte ich sie aus der Reserve gelockt und sie im Unterricht provoziert, damit sie wütend auf mich war. Mit diesem Gefühl konnte ich eher klarkommen. Aber eines Abends, das war ein Tag nach Silvester. Es waren Ferien und ich hatte sie über eine Woche nicht gesehen. Ich war so kurz davor, zu ihr hinzufahren, nur um sie zusehen. Doch Ryan hielt mich davon ab. Er meinte ich würde einen riesen Fehler begehen und ihr es damit nur noch schwerer machen. Also gab ich mir die Kante.“ Er rieb sich über die Nasenwurzel und kniff für einen Moment die Augen zu. „Das war die beschissenste Nacht, die ich je hatte. Ich trinke normalerweise nur ein bis zwei Bier, vielleicht auf Partys mal ein paar Kurze, aber in dieser Nacht wollte ich nur noch meinen verdammten Kopf abschalten. Auf dem Heimweg holten sie dann auch noch Claire ab, die sich wohl mit Sofia treffen wollte. Sie hatte meine schlechteste Seite gesehen und ihren Blick werde ich nie vergessen, wie entsetzt und erschrocken sie mich angestarrt hatte.“

Ich trank von meiner Latte und wartete darauf, dass er weitersprach.

„Schließlich hatte ich mich für eine Woche krankgemeldet, um in Ruhe darüber nachzudenken, wie es weitergehen sollte. Sie müssen wissen, dass in der Schule Gerüchte umhergingen, dass Claire und ich ein Verhältnis hätten. Dem musste ich einen Riegel vorschieben.“ Er warf einen weiteren Blick in die Karte. „Ich werde mir doch etwas bestellen.“ Gabriel verschwand zum Tresen und gab bei einer der Barista seine Bestellung auf. Ich schaute derweil aus dem Fenster und hing meinen Gedanken nach. Ihm schien, dass mit Claire ganz schön an die Nieren zugehen. Ich hatte eher damit gerechnet, dass es ihm am Hintern vorbei ging. Mittlerweile hatte der Regen eingesetzt und draußen liefen die Passanten eilig über den Gehweg, als würden sie so dem Regen entkommen können. Das optimale Wetter um in einem Café sitzen und zu schreiben. Aber das musste jetzt warten, solange bis ich alle Informationen zusammen hatte.

Gabriel kam mit einem großen Becher Kaffee zurück. „So wie es aussieht, werden wir doch noch eine Weile hier sitzen“, sagte er mit einem schiefen Grinsen, was aber nicht seine Augen erreichte. Während er seinem Kaffee noch Milch hinzufügte, erzählte er weiter.

„Ich hatte den Entschluss gefasst, dass es für Claire das Beste wäre, wenn sie auf eine andere Schule ging. Somit hatte ich alles in Bewegung gesetzt, um sie versetzen zu lassen. Im Nachhinein weiß ich, dass dies nicht die beste Entscheidung gewesen war und bin auch nicht sehr stolz darauf, was ich getan habe. Aber ich musste uns beide schützen, vor allem sie vor mir, bevor ich noch eine Dummheit begann. Ich wollte Claire von Anfang an und es hatte sich in der ganzen Zeit nicht geändert. Ich malte mir oft genug aus, wie es sich zwischen uns entwickelt hätte, wenn uns das Schicksal nicht dazwischengekommen wäre.“

Heiliger Bimbam. Er war ihr verfallen und das anscheinend auch noch nach Jahren.

„Wieso haben sie sie dann nicht aufgesucht, nachdem sie die Schule wechselte? Da hatten sie doch freie Bahn. Claire war nicht mehr ihre Schülerin.“

Er schüttelte den Kopf. „So einfach war das nicht. Claire war stocksauer auf mich. Sie hat mir vermutlich die Pest an den Hals gewünscht. Und ich wollte sie auch nicht noch zusätzlich ablenken. Sie hatte es schon schwer in einer neuen Schule sich zurecht zu finden und außerdem wusste ich von ihrer Freundin Sofia, dass sie nach ihrem Abschluss ins Ausland wollte. Das hätte sie vermutlich nicht gemacht, wenn ich um uns gekämpft hätte. Ich wäre dann so egoistisch gewesen und hätte sie nicht für ein Jahr gehen lassen.“

Wow! „Aber wäre nicht trotzdem ein klärendes Gespräch sinnvoll gewesen? So hatte sie genügend Zeit, um ihre Wut zu nähren und sie vermutlich ewig zu hassen.“

Er schüttelte den Kopf. „Vermutlich wäre, dass das richtige gewesen, aber ehrlich, ich war einfach nur froh, dass ich meinen Arbeitsplatz nicht verloren hatte. Manchmal verhalte ich mich wie ein Arschloch.“ Ja, und dafür entschuldigte er sich noch nicht einmal. Ein dazu noch selbstbewusstes Arschloch. Ich war kurz davor ihm den Kopf zu waschen, doch es war nicht meine Aufgabe, ich sollte mich aus seinen Angelegenheiten raushalten und einfach nur das Interview zu Ende führen. Ich war schließlich nicht seine Therapeutin. Bei diesem Gedanken schmunzelte ich in meine Tasse hinein.

„Nun gut. Wie geht es jetzt mit ihnen weiter? Wie sind sie sich wieder über den Weg gelaufen? Die Stadt hat wie viele Einwohner? Das ist wie ein Sechser im Lotto.“ 

„582.624“

„Bitte?“

„Das ist die Anzahl der Einwohner.“ Er zuckte mit den Schultern, als sei es selbstverständlich, dass man die Einwohnerzahlen seiner Stadt kannte.

„Wie ich schon sagte, das ist wie ein Sechser im Lotto. Erzählen sie mir davon?“

„Wir sind uns im Irish Pub über den Weg gelaufen. Ich war dort mit meiner Schwester verabredet. Wir hatten uns ein halbes Jahr nicht gesehen und sie wollte mir unbedingt ihre Mitbewohnerinnen vorstellen. Sie hatte zwar den Namen Claire erwähnt, aber mir kam nicht der Gedanke, dass es sich dabei um Claire Baumgartner handeln könnte. Als ich ihr gegenüberstand und meine Schwester sie mir vorstellte, musste ich zweimal hinschauen. Sie trug mittlerweile eine Brille, ihre Haare hatte sie zu einem Zopf geflochten und unter einer Beanie versteckt. Zudem war sie komplett in schwarz gekleidet und wirkte um einiges schmaler. Aber dann hatte ich ihr in die Augen gesehen. Diese leuchtend grünen Augen, die konnte man einfach nicht vergessen.“ Ich beobachtete ihn, wie er in seine Tasse lächelte. „Aber ich konnte es nicht vor meiner Schwester zugeben, dass wir uns schon kannten, deshalb tat ich, als würde ich mich darüber freuen, sie endlich kennenzulernen. Jasmin würde mir den Kopf abreißen, wenn sie davon wüsste.“

„Hast du noch andere Geschwister?“ Ich machte einen Sprung zurück in meiner Frageliste. Mir war aufgefallen, dass ich noch nichts über seine Familie in Erfahrung gebracht hatte.

„Ja, Mila. Sie ist die jüngste von uns und lebt in der Nähe von unserer Mutter in Headington.“ Ich nickte. „Der Ort ist mir geläufig, in dem gibt es das Haus, in dem ein Hai mit dem Kopf im Dach steckt.“ Es gab echt kuriose Sachen auf der Welt. Sein Kopf ruckte hoch und sah mich sprachlos an. Schließlich schüttelte er lachend den Kopf. „Ok, anscheinend bin ich nicht der Einzige hier, der unnützes Wissen parat hat.“

„Sie merken sich Einwohnerzahlen und ich merke mir die ungewöhnlichsten Skulpturen auf der Welt.“ Ich lachte ebenfalls.

„Vermissen sie ihre Familie? Was ist mit ihrem Vater?“

„Mein Vater hatte sich scheiden lassen, da war ich vierzehn. Er ist Professor an der Universität von Oxford. Unser Verhältnis ist eher von frostiger Natur. Wir hatten uns nie nahegestanden, da er kaum zu Hause war, wenn er doch mal da war, hielt er sich überwiegend im Arbeitszimmer auf. Er war kein Familien Mensch. Mir ist bis heute schleierhaft, warum er trotzdem eine Familie gegründet hatte. Meine Mutter lebt mittlerweile für sich in dem großen Haus. Mein Vater hatte es ihr bei der Scheidung überlassen. Sie arbeitet in einer Senioren Residenz als Präsenzkraft. Sie begleitet die Senioren zum Einkaufen, hilft ihnen bei der Zimmerpflege und führt Beschäftigungsangebote durch. Mila ist Erzieherin in einem Kindergarten und hat im letzten Jahr geheiratet.“

„Wollen sie auch einmal eine Familie gründen?“

„Ich weiß es nicht. Es gab mal eine Zeit, da wollte ich heiraten.“ Er trank einen weiteren Schluck von seinem Kaffee, dabei mied er es mir in die Augen zusehen.

„Was ist passiert?“

„Ich war schon mal verlobt. Ich verbuchte es unter Jugendlichen Leichtsinn. Ich war damals gerade mal grüne zwanzig und war der Meinung meine große Liebe gefunden zu haben. Leider sah das meine Ex-Verlobte nicht so. Sie wollte nur heiraten, weil ihr Treuhandfond an diese Bedingung geknüpft war. Ich könnte heute noch ihren Großvater in den Hintern treten, wenn er nicht schon unter der Erde liegen würde. Aber Freya war so erpicht auf das Geld gewesen, dass sie keine Skrupel davor besaß mir etwas vorzumachen.“ Sein Tonfall war grimmig. „Sie war auch einer der Gründe, warum ich nicht mehr dieselbe Luft in der Stadt atmen wollte, wie sie es tat. Meine Mutter erwirkte sogar eine einstweilige Verfügung, dass sie sich nicht mehr unserem Haus nähern darf. Sie ließ nichts unversucht, um mich wieder zurück zu gewinnen. Sie bekam es immer mit, wenn ich in der Stadt zu besuch war. Anscheinend hatte sie irgendwelche Leute um sich herum, die ihr es sofort zwitscherten, sobald ich einen Fuß in die Stadt setzte. Das ist krank.“

Was musste sie nur für ein Mensch sein, nur wegen des Geldes zu heiraten? „Das tut mir leid“, sagte ich betroffen.

„Das muss es nicht. Sie bedeutet mir nichts mehr.“

„Weiß Claire darüber Bescheid?“

„Mehr oder weniger. Ich hatte es ihr an den Kopf geworfen, während unseres kurzen Gesprächs, nach dem ersten Schultag. Ich hatte ihr gesagt, dass aus uns nichts werden würde, da ich verlobt sei. Was eine Lüge war. Ich war zu dem Zeitpunkt schon zwei Jahre nicht mehr verlobt. Ich gehe davon aus, dass sie mir diese Lüge noch aufs Brot schmieren wird.“ Draußen begann es bereits zu dämmern. Erschrocken warf ich ein Blick auf mein Smartphone und stellte fest, dass wir hier schon knapp eineinhalb Stunden saßen. Das erklärt auch mein kalter Latte, an dem ich hin und wieder genippt hatte.

„Ich muss leider hier unser Gespräch abbrechen. Diesmal bin ich es die nicht endlos Zeit hat. Würden sie noch mal zu einem weiteren Termin kommen wollen? In drei bis vier Wochen?“ Ich musste noch die anderen Interviews führen, damit ich wenigstens schon mal genügend Material zusammen bekam, um schon mal mit dem Buch zu starten. Alles andere ließ sich noch später einfügen.

„Kein Problem. Ich melde mich bei ihrer Sekretärin. Vielleicht das nächste Mal zu einem Essen?“

„Gerne. Und Danke für ihre Zeit.“ Ich verabschiedete mich zügig und sah zu, dass ich noch meinen Bus bekam. Denn bei diesem Wetter wollte ich ganz gewiss nicht nach Hause laufen.  

 

      


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