Interview mit Gabriel Blackwell


Im Interview mit Gabriel Blackwell

 

Nach dem Sofia Feldmann mein Büro verlassen hatte, rief ich nach meiner Sekretärin. „Margarethe, habe ich heute noch einen Termin?“ Sie erschien kurz darauf in der Tür. „Ja, Herzchen. Sie wollten so viele Interviews wie möglich durchbekommen.“ Sie schaute mich entschuldigend an.

„Schon gut. Ich hatte nur nicht damit gerechnet, dass es so emotional werden würde. Ich hatte mir das wohl alles ein wenig zu einfach vorgestellt. Wer kommt denn als nächstes?“

Margarethe räusperte sich und senkte ihre Stimme. „Gabriel Blackwell. Er sitzt bereits im Wartezimmer.“

„Himmel“, entfuhr es mir. Ich sortierte schnell meine Notizen auf dem Schreibtisch.

Sie sehen ein wenig blass aus, soll ich dem Herrn einen neuen Termin geben?“ Bot sie mir den Ausweg, aber ich schüttelte rasch den Kopf.

„Nein, nein. Nicht nötig. Ich schaffe das schon, ich werde es kurz halten.“ Ich zog die unterste Schublade von meinem schönen Holzschreibtisch auf, holte das Diktiergerät raus und prüfte, ob es noch genügen Energie hatte. Damit würde das Gespräch viel schneller ablaufen und es würden keine unnötigen Pausen entstehen, während ich noch Notizen schrieb. „Gib mir fünf Minuten. Ich hole mir nur schnell etwas zu trinken.“ Und ich würde mir meine Beine kurz vertreten.

 

Auf dem Rückweg aus der Büroküche, ging ich direkt zum Wartezimmer und blieb prompt in der Tür stehen. Gabriel Blackwell stand vor dem Bodentiefen Fenster, aus dem man einen wunderbaren Blick auf den Baldeneysee hatte. Seine Hände steckten locker in seinen Hosentaschen und seine Körperhaltung war entspannt. Wenn seine Rückansicht schon so umwerfend war, was erwartete mich dann, wenn er sich gleich umdrehen würde? Ich klopfte an den Türrahmen, um mich bemerkbar zu machen und hielt die Luft an.

Er wandte den Kopf zur Seite und musterte mich von oben bis unten, ehe er freundlich lächelte. Ich fühlte mich gerade, als hätte ich einen Test bestanden, was eigentlich unsinnig war.

„Guten Abend.“ Er kam mit wenigen Schritten auf mich zu und reichte mir seine Hand, die ich zögerlich ergriff. „Es freut mich, dass sie den Termin nicht verlegt haben. Ich hatte zufällig ihr Gespräch mit ihrer Sekretärin mitbekommen.“

„O.“ Notiz an mich: Türen schließen, wenn ich mich mit Margarethe unterhielt. Ich deutete Gabriel mit einer Handbewegung, mir in mein Büro zu folgen.

Er setzte sich auf einen der Sessel, neben dem Bodentiefen Fenster und warf einen Blick auf die Armbanduhr. „Wie lange wird das Interview dauern?“

Ich verkniff  mir einen Seufzer. Er war schon der dritte, der anscheinend unter Zeitdruck litt. „Etwa eine halbe Stunde, es kann aber auch sehr schnell gehen. Kommt darauf an, wie ausschweifend ihre Antworten sind.“ Puh! Wo waren nur meine Manieren geblieben.

„Dann legen sie mal los“, forderte er mich auf und machte es sich im Sessel bequem.

Ich legte das Diktiergerät auf dem kleinen Tisch vor uns ab und schaltete es ein.

 

„Okay, dann stellen sie sich doch kurz einmal vor und vielleicht Beschreiben sie sich gleich mit.“

 

„Gabriel Blackwell, geboren in Oxford, 28 Jahre alt, eins achtundsiebzig groß, sportlich, tätowiert, gepierct.“ Dabei zwinkerte er mir zu, als ich ihn mit einer hochgezogenen Augenbraue betrachtete. „Dunkelbraune kurze Haare, hellbraune Augen. Ich trage gerne einen Dreitagebart. Kleidungsstil von elegant bis legere mag ich so ziemlich vieles. Ich habe auf Lehramt an der Universität in Oxford studiert und unterrichte sein ein paar Jahren am städtischen Gymnasium in Essen, in den Fächern Englisch und Mathematik.“

 

Ich hoffte, dass mein Diktiergerät eine Slow Motion Wiedergabe Taste besaß. So schnell wie er alles runter ratterte, so schnell hätte ich noch nicht einmal einen Stift schwingen können.

„Was hat sie dazu bewegt nach Deutschland zu ziehen, wo sie doch in einer schönen historischen Stadt aufgewachsen sind?“

 

„Meine Schwester ist der Grund warum ich hier lebe. Sie hatte es sich in den Kopf gesetzt, die Welt zu erkunden, was mir als großer Bruder ganz und gar nicht gefiel, dass sie in der großen weiten Welt alleine unterwegs war. Deshalb hatte ich beschlossen, in die Stadt zu ziehen, in der sie studieren wollte. Nicht nur um ein Auge auf sie zu haben, eher dass sie nicht ganz ohne Familie ist.“

Mir kommt der Gedanke, dass er seine „Großer Bruder Rolle“ anscheinend sehr ernst nimmt.

 

„Wo in Essen wohnen sie?“

„In Bredeney, nicht weit vom See.“

 

„Haben sie Freunde hier?“

„Ja.“ Ich rollte mit den Augen, angesichts seiner sehr knappen Antwort. „Könnten sie das bitte ein wenig genauer ausführen? Wer sind ihre Freunde?“

„Ryan, mein bester Freund ist mit mir und seiner Mutter zusammen hier her gezogen und dann gibt es noch zwei Kollegen mit denen ich mich angefreundet habe.“ Er stand auf und stellte sich vor das Fenster. „Sie haben hier eine sehr schöne Aussicht.“

 

„Danke.“ In meinen Kopf spürte ich ein leises Pochen. Es würde nicht mehr lange dauern, bis ich Kopfschmerzen bekam. Also musste ich mich beeilen. „Gibt es sonst noch jemanden in ihrem Leben, mit dem sie ihre Zeit verbringen?“

Gabriel schwieg und starrte weiterhin durch die Scheiben nach draußen. Ich fragte mich, was ihn wohl daran hinderte mir diese Frage zu beantworten.

„Sicher gibt es da jemanden.“ Er sprach so leise, das vermutlich mein Diktiergerät es nicht aufzeichnen konnte. „Claire.“

„Ist sie ihre Freundin?“, hakte ich nach.

„Nein. Aber eines Tages wird sie es sein.“ Er klang ja sehr Überzeugt. „Sie ist erst seit ein paar Tagen wieder in der Stadt zurück. Es war für uns beide wohl gleichermaßen ein Schock, sich wieder zu begegnen.“

 

„Was ist passiert?“

Er rieb sich übers stoppelige Kinn. „Nichts Nennenswertes. Nur ein Missverständnis.“ Seine Stimme klang fast wie ein knurren. Er wollte anscheinend nicht näher darauf eingehen, aber ich brauchte mehr als nur vage Antworten um dieses Buch schreiben zu können. „Ich denke wir sollten das Interview an einem anderen Tag fortsetzen. So vage wie ihre Antworten sind, würde das hier heute länger dauern. Ich habe dadurch mehr Fragen, als die die ich in meiner Liste stehen habe.“

Gabriel drehte sich um und sein stechender Blick bohrte sich in meinen. Ihm behagte die ganze Situation nicht. Ob er zum nächsten Termin überhaupt kommen würde, mag ich bezweifeln.

 

„Na schön“, brummte er unzufrieden und schaute ein weiteres Mal auf die Uhr. „Es ist eh schon viel zu spät. Ich werde mir einen neuen Termin von ihrer Sekretärin geben lassen.“

Ich stehe von meinem Sessel auf und musste meinen Kopf in den Nacken legen um ihm erneut in die Augen sehen. Verdammt! Warum waren alle meine Protagonisten nur so groß? Vielleicht sollte ich sie alle um zehn Zentimeter schrumpfen lassen, damit ich keinen steifen Nacken bekam.

„Dann sehen wir uns in wenigen Tagen wieder, Herr Blackwell.“ Ich reichte ihm zum Abschied die Hand, die er kräftig drückte.

„Vielleicht sind sie bis dahin etwas entspannter, Miss Haze.“ Mit diesen Worten verließ er mein Büro und zog die Tür leise ins Schloss.

Das musste ausgerechnet er sagen, der anscheinend das Wort entspannt noch nicht mal im Lexikon finden würde.

 

 

Ich hängte mir meine Tasche über die Schulter, warf Diktiergerät und Notizblock hinein, und stürmte aus meinem Büro.

 

„Margarethe! Ich mache Feierabend!“  

 


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Kommentare: 1
  • #1

    Barb (Freitag, 26 März 2021 09:02)

    Wow! Hört sich sehr schön an! Dem Romanhelden will ich wohl auch mal begegnen!!!❤️